Gottfied Gerstbach Vorschau Juni 2021

Gottfied Gerstbach Vorschau Juni 2021

Beitragvon Laadoc » So 6. Jun 2021, 18:19

Liebe Mitglieder des Österreichischen Astronomischen Vereins, liebe Sternfreundinnen und -freunde!

Der Hauptteil dieses Newsletters ist etwas kürzer als sonst, weil ich noch einhändig bin. Dafür aber zwei Neuheiten:
1. Wer von euch hat je von einer Schinken-Sonnenuhr gehört? Ich erst vorgestern von Walter Hofmann – einem unserer am 21.5. gewählten Ehrenmitglieder, als wir sie im Sterngarten feierten. Die Funktionsweise zu ergründen, war eine interessante Gruppenarbeit am Heurigentisch in Mauer (natürlich 3-G-konform). Ob man diese seltsame S-förmige Schattenlinie (2.Bild) des ausgeklappten Dorns auch berechnen kann?
2. Einer mehrfachen Anregung folgend, werden ab nun in einem monatlichen ABC drei Begriffe erklärt: zwei für Anfänger, einer für Spezialisten zum weiter googeln.
Abendweite: der am Horizont vom Westpunkt aus gemessene Winkel bis zum Untergangspunkt eines Gestirns.
Wer Lust hat, möge die Abendweite der Sonne in Wien (geografische Breite 48°) zur Sommersonnenwende schätzen –> 38°, 42°, 45°, 48°? Die Sonne geht da etwa im Nordwesten unter.

Abplattung (engl. flattening) ist die Abweichung eines Planeten von der Kugelform infolge seiner Rotation: f = (a-b)/a, wobei a=Äquatorradius, b=Polradius; bei der Erde f = 1:298,25. Sie folgt aus Schwerkraft, Fliehkraft und Dichte des Himmelskörpers. Bei Gasplaneten (Jupiter 1:16, Saturn 1:10) lässt sich daraus die Dichtezunahme nach innen recht genau bestimmen.

Absolute Helligkeit: Maß für die Strahlungsleistung (Leuchtkraft) eines Sterns, im Gegensatz zu seiner scheinbaren Helligkeit am Nachthimmel. Maßeinheit ist die Größenklasse (magnitudo, mag), gerechnet für die Einheitsentfernung 10 parsec (32,6 Lichtjahre). Der hellste Stern Sirius (scheinbar -1.5 mag) hat 1.4 Mag und ist etwa 25x heller als die Sonne (4.8 Mag). Diese würde aus 32 Lichtjahren als Sternchen 5. Größe erscheinen.
Die Leuchtkraft eines Hauptreihen-Sterns (längste Lebensphase eines Sterns, stabiler Gleichgewichtszustand) hängt v.a. von seiner Masse ab – es gilt eine genäherte Masse-Leuchtkraft-Beziehung. Die Oberfläche eines Sterns (Photosphäre) leuchtet gemäß den Planck'schen Strahlungsgesetzen mit einer Flächenhelligkeit, die mit der 4. Potenz der effektiven Temperatur zunimmt. So ist z.B. Sirius nur 1,7x größer als die Sonne, aber mit 10.000 Kelvin viel heißer, sodass er 25x heller strahlt. Sein blau-weißes Licht deutet auf diese höhere Farbtemperatur hin. Bei Riesensternen (spätere Stadien der Sternentwickung) ist die Sache aber komplizierter.

Veranstaltungen des Astrovereins im Juni 2021

Seit Ende Mai können wieder Veranstaltungen im Sterngarten stattfinden, ab Mitte Juni bis 16 Personen (aktueller Stand siehe Homepage). Bitte Maske mitnehmen und anmelden, auch für die Zoom-Vorträge am 11. und 25. Juni.
• Fr, 10.6., 12:00 Sterngarten: "Kleine" Sonnenfinsternis mit Peter Reinhard. Die Sonne wird um 12:40 um 11,4 % ihres Durchmessers und 4,4% ihrer Fläche "angeknabbert" sein. In Linz sind es 5,3%, in Bregenz 6,2%, in Klagenfurt 2,9 Prozent der Fläche.
• Fr 11.6., 20h Online: "Damals die Dinosaurier – und demnächst wir? Strategien zur Abwehr von erdbedrohenden Asteroiden". Vortrag und Diskussion mit Prof. Rudolf Albrecht (Univ. Wien). Den Zoom-Link erhalten Angemeldete einige Stunden vorher.
• So 13.6., 10h Wanderung Planetenweg für Sportliche: Das Planetensystem erspüren! Treffpunkt Ende Wittgensteinstraße. Gehzeit 3-4 Stunden: bis Pluto beim Laabertor, dann zurück durch den Lainzer Tiergarten (Gasthaus Hirschgstemm) zum Lainzer Tor.
• So 13.6., 11h Wanderung Planetenweg für Gemütliche: Das Planetensystem erspüren! Treffpunkt wie oben. Gehzeit 1 1/2 Stunden: bis Saturn (1,5 km) und retour zum Ausgangspunkt, dann eventuell Heuriger.
• Sa 19.6., 12:30 Sterngarten: Sommer-Sonnenwende mit Caroline Posch-Primes. Tages- und Jahreszeiten, Sonne und Planetenörter auf der Ekliptikscheibe, kleine Experimente. Bei Schönwetter Beobachtung des Mittagsdurchgangs der Sonne.
• Fr 25.6., 20h Online: "Die Rare-Earth-Hypothese. Ist unser Planet Ausnahme oder kosmischer Normalfall"? Vortrag und Diskussion mit Peter Schmutzenhofer (VHS Horn). Den Zoom-Link erhalten Angemeldete einige Stunden vorher.
• Fr 2.7., 21h (Ersatztermin 9.7.): Beobachtungsabend über Tullnerbach für Mitglieder mit und ohne Fernrohr (eventuelles Teleskop bei Anmeldung mitteilen).
Der Zoom-Vortrag "Kleinkörper im Sonnensystem" (7. Mai) von Dr. Thomas Schnabel wird vorerst nicht für unseren YouTube-Account aufbereitet, weil es inzwischen eine ausführlichere Version unter https://www.youtube.com/watch?v=VhpAGgMQwJw gibt.

Sonnenbahn und Dämmerung

Im Juni wächst der helle Tag bis zur Sonnenwende am 21.Juni nur noch wenig: von 15,8 auf 16,1 Stunden. Der Sonnenuntergang in Wien ändert sich von 20:46 auf 20:59 MESZ. Im Westen Österreichs ist alles je nach geografischer Länge später, in Innsbruck z.B. um 20 Minuten. Zur Sonnenwende gibt es die alljährliche Führung im Sterngarten, heuer am Samstag 19. Juni.

Nun wird es erst gegen 24 Uhr völlig dunkel -- und auch das nur für 1 bis 2,5 Stunden, je nach geografischer Breite. Die meisten Leute schätzen zwar die Sommerzeit, aber im Winter wäre sie schrecklich – nicht nur für Schulkinder. Bitte das bei einer allfälligen Abstimmung 2022 zu beachten.

Die bürgerliche Dämmerung (Sonnentiefe 6°, Lesen im Freien möglich) dauert nun bereits 40 Minuten, die nautische (-12°, am Meer sind Horizont und helle Sterne sichtbar) weitere etwa 60 Minuten. Der Unterschied zur astronomischen Dämmerung (siehe oben) ist aber in oder nahe einer Stadt kaum merklich.

Der Abendhimmel im Juni

Wenn es zur Monatsmitte gegen 22:20 Uhr dunkel genug ist, sehen wir tief im Nordwesten noch zwei Sterne des Wintersechsecks (Pollux und Capella), während Venus gerade untergeht Auch der Löwe neigt sich schon dem Westen zu. In seiner Mitte treffen sich die kurzen Vierecks-Seiten des Großen Wagens, der steil darüber steht. Im Süden sehen wir den Bärenhüter mit dem hellgelben Arktur. Er treibt den Großen Bären vor sich her, dessen unscheinbarer Kopf nun links vom Polarstern steht. Die Gerade seiner 3 Krallenpaare ist hingegen – auf halbem Weg zum Löwen – gut zu erkennen. Dem Deichselschwung des Großen Wagens folgend, kommen wir über den Arktur zur blauweiß strahlenden Spica (α in der Jungfrau), die mit 20.000° zu den heißesten Riesensternen zählt.

Für einen Überblick können Sie hier den Frühlings- bzw. Sommerhimmel anklicken, oder eine unserer Homepage-Sternkarten (z.B. für Sternzeit 15h). Im Südosten erreichen Herkules und Schlangenträger bald ihren Höchststand, im Osten steigt das Sommerdreieck mit der funkelnde Wega (Leier) sowie Deneb im Schwan (liegendes Kreuz) und Atair (α im Adler) empor. Wir werden es bis zum Herbstende sehen können. Rechts vom Polarstern steht der bescheidene König Kepheus, seine stolze Gattin Kassiopeia als "Himmels-W" darunter, der Große Bär hoch im Westen. Der kleine Bär reckt sich vom Polarstern (α UMi) nach oben. In Stadtnähe sieht man aber höchstens 7 Sterne, den Kleinen Wagen. Sie dienen als einfachster Indikator der Lichtverschmutzung: der dritthellste Stern Gamma hat 3.0 mag, der Sternenbogen zwischen α und ß etwa 4.3 mag.

Gegen 24 Uhr kulminieren Herkules, Schlangenträger sowie der Skorpion. Dessen Hauptstern ist der rote Riese Antares ("Gegenmars"), 600 Lichtjahren+ von uns entfernt. Er ist 700x größer als die Sonne und 11.000x heller; in nur 3" Distanz umkreist ihn ein Stern mit 5.4 mag in 880 Jahren.
Auch der Schütze ist nun aufgegangen; etwas später tauchen tief im Südosten Saturn und der hellgelbe Jupiter auf (zur Monatsmitte um etwa 23:40 und 0:30 Uhr).

Sichtbarkeit der großen Planeten (Auf- bzw. Untergänge aus AAÖ 2021)
• Merkur hat seine Abendsichtbarkeit beendet und kommt am 11.6. in untere Konjunktion zur Sonne. Ab etwa 20.6. ist er mit dem Feldstecher in der Morgendämmerung sichtbar, mit freiem Auge frühestens ab 25.6. in 19-21° Elongation.
• Venus baut ihre beginnende Abendsichtbarkeit nur langsam aus, zur Monatsmitte geht sie um 22:30 Uhr unter (90 Minuten nach der Sonne), fast an derselben Stelle wie diese.
o Heuer ist ihre Phase als Abendstern aber ungünstig, weil sie bei wachsendem Sonnenabstand (bis 47° im Oktober) in die südlichen Zonen der Ekliptik wandert. Im Juni bleibt daher ihre Untergangszeit (22:16 bis 22:33 MESZ) fast dieselbe.
• Mars in Zwillingen und Krebs zieht sich vom Abendhimmel allmählich zurück: zu Monatsbeginn geht er in Wien um 23:50 unter, zu Monatsende schon um 22:48 MESZ. Seine Helligkeit sinkt von 1,8 auf 2,2 mag, weil die Entfernung schon 2,3 AE beträgt.
• Jupiter setzt Ende Juni zu seiner jährlichen Schleife an (Opposition am 20.8.) und wandert rückläufig durch den Wassermann. Seine Helligkeit steigt auf -2,5 mag, womit er das hellste Gestirn der späten Nachtstunden wird. Seine Aufgänge verlegen sich von 1:20 auf 23:25 MESZ.
o Sehr reizvoll wird nun der Tanz der hellen 4 Jupitermonde, die alle paar Tage ihre Schatten auf Jupiters Wolkendecke werfen oder von ihm bedeckt bzw. verfinstert werden. Solche Verfinsterungen, deren Helligkeitsabfall einige Minuten dauert, beginnen z.B. am 4.6. um 4:12 (Mond 1) oder am 18.6. um 1:39 (2). Näheres siehe AAÖ Seite 53 und 56.
o Am 1. und 28.6. zieht der Mond 4° südlich an Jupiter vorbei, an Saturn bereits am 27.6.
• Saturn im Steinbock geht nach der großen Konjunktion Ende 2020 bereits 40-45 Minuten vor Jupiter auf, seine Helligkeit steigt von 0,7 auf 0,4 mag.
o Die Elongationen des größten Mondes Titan (8,5 mag) sind am 4. und 20.6. östlich bzw. am 12. und 28.6. westlich. Er ist der einzige Mond im Sonnensystem mit einer Atmosphäre (siehe ESA-Mission von 2005). Die drei nächstgrößeren Monde haben Helligkeiten von 10,0 bis 10,7 mag.
• Uranus im Widder bleibt noch in der Morgendämmerung verborgen.
• Neptun kommt auf seiner langsamen Bahn durch den Wassermann Ende Juni zum Stillstand und beginnt seine Oppositionsschleife für September. Am 3.6. frühmorgens zieht der Mond 4° südlich vorbei.
• Der Kleinplanet Vesta ist noch mit 7 mag im Löwen sichtbar (am 16.6. 1,5° nördlich von Iota) und wandert dann in die Jungfrau.
Mondphasen: Letztes Viertel 2.6., Neumond 10.6., Erstes Viertel 18.6., Vollmond 24.6.
"Kleine" Sonnenfinsternis am 10.6., Maximum um 12:40 Uhr (in NÖ 11-12 % des Sonnendurchmessers), letzter Kontakt um 13:28 Uhr.
Konjunktionen (Zeiten in MESZ; aus "Himmelsjahr" und AAÖ)
• 01.6., 12h: Mond 4,5° südlich von Jupiter
• 03.6., 03h: Mond 4,4° südlich von Neptun
• 10.6., 12:40 Neumond, kleine partielle Sonnenfinsternis (4,5%). Siehe Sterngarten-Führung ab 12 Uhr.
• 11.6., 03h: Merkur in unterer Konjunktion
• 12.6., 08h: Mond 1° nördlich von Venus (um 22h Abstand 5°)
• 12.6., ca. 22h: erste Abendsichtbarkeit der schmalen Mondsichel
• 13.6., 23h: Mond 2° nördlich von Mars
• 21.6., 05:32 Sommersonnenwende
• 27.6., 12h: Mond 4° südlich von Saturn
• 28.6., 22h: Mond 5° südlich von Jupiter
• 30.6., 11h: Mond 4,5° südlich von Neptun
Sternbedeckungen durch den Mond:
Alle Daten für Wien und Innsbruck auf unserer Homepage unter /beobachten/astronomischer-almanach-fuer-oesterreich, Seite 65-67. Sterne heller als 6 mag am 13., 23. und 30. Juni.

Kleinplaneten bis 10 mag:
• 4 Vesta (7 mag) im Löwen, 6 Hebe (9 mag) im Adler
• 12 Victoria (9-10 mag) im Wassermann, 63 Ausonia (9.7 mag) im Skorpion; weitere Daten siehe Minor Planet Center
• Zwei enge Begegnungen Kleinplanet / Sterne (Vesta 8.6., Hebe 30.6.) siehe Sterne und Weltraum 2021/6, Seite 59, ebenso Daten zum
• Erdbahnkreuzer 2003 WD158 (Ø 400m, 0.053 AE, 14 mag) am 15.6. im Adler, Bewegung 20" pro Minute!
Kometen:
Derzeit keine Kometen heller als 10mag. Näheres siehe www.aerith.net/comets und Calsky.com.
Meteorströme:
• Scorpius-Sagittariden: nach Ende Mai zweites Maximum ca. 13.Juni, schwach, am besten um Mitternacht, langsame Meteore (26 km/s)
• Juni-Bootiden: ab etwa 20.Juni, Maximum ca. 25.-28.6., Stärke nicht vorhersehbar (zuletzt 2004 hoch). Sehr langsam, nur 18 km/s.

News aus der astronomischen Forschung und Raumfahrt (+einige vom entfallenen Newsletter nachgeholt)
• Ers¬ter Ster¬nen¬park Öster¬reichs: Nacht¬land¬schafts¬-Schutz¬ge¬biet Attersee-Traunsee – OÖN 4.21 (vielleicht kann hier die Oktober-Tagung ÖTS'21 stattfinden)
• Gibt es Sterne aus Antimaterie? – Spektrum der Wissenschaft 20.4.21
• Plattentektonik: Kontinentale Kruste schon seit 3,7 Mrd.Jahren – SpdW 26.4.21
• Neues ESO-Teleskop auf La Villa soll Erde vor Asteroid-Einschlägen schützen – Astronomie.de 1.5.21 (siehe auch unser Vortrag am 11.6.)
• Der Sound des Kosmos: Voyager 1 und die Geräusche im All – SpdW 17.5.21
• Radioastronomie & Hubble-Teleskop: Ursprung schneller Radioblitze in Magnetaren lokalisiert – SpdW 21.5.21
• Chinas Mars-Rover Zhourong liefert erste Fotos – SpdW 20.5.21
• Ozean auf Jupitermond Europa könnte Vulkane bergen – SpdW 28.5.21
• ISS: Europas erste ISS-Kommandantin startet 2022 – AstroNews 31.5.21

Besuchenswerte Sternwarten und Astrovereine in Wien & NÖ:
Wegen Corona haben noch nicht alle ihr Programm begonnen. Kontaktdetails siehe frühere Newsletter.

Mit besten Grüßen,
Dr. Gottfried Gerstbach
Vorsitzender des ÖAV

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